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Themen: die Sonntagsspiele in Wolfsburg und Schalke – ein sehr lesenswertes Heynckes-Portrait – anhaltendes Kölner Pech

Oliver Fritsch | Donnerstag, 25. März 2004 Kommentare deaktiviert für Themen: die Sonntagsspiele in Wolfsburg und Schalke – ein sehr lesenswertes Heynckes-Portrait – anhaltendes Kölner Pech

VfL Wolfsburg – Hamburger SV 5:1

Frank Heike (FAZ 19.8.) schreibt über eine „künstlerische Darbietung, wie man sie in Wolfsburg so noch nicht gesehen hat“. „Es war eine Art Verbeugung vor großen Leistungen der Vergangenheit, als Andres D‘Alessandro nach dem Spiel das Hamburger Trikot mit der Nummer 27 überstreifte. Cardoso stand auf seinem Rücken, als er in die Kabine schritt, vorbei an den Reportern, die genausowenig Spanisch können wie er Deutsch. Aber schon dieser Trikottausch sagt viel über dieses 22 Jahre alte Bürschchen; eigentlich hätte Andres D‘Alessandro es nach dieser brillanten Partie gar nicht nötig gehabt, dem zwölf Jahre älteren Landsmann Rodolfo Esteban Cardoso seine Reverenz zu erweisen. Doch der junge Argentinier hat Respekt vor dem alten Argentinier, dem Mann, der vor mehr als zwölf Jahren in die Bundesliga kam und allen Verletzungen zum Trotz immer noch dabei ist. Wie D‘Alessandro in der zweiten Halbzeit spielte, fintierte und auch kämpfte, das war eine Gala, das ließ die VfL-Fans aufstehen und applaudieren, als der kleine Regisseur in der 79. Minute ausgewechselt wurde. D‘Alessandro ist nach nur drei Bundesligaspielen in Wolfsburg angekommen. Zu Hause in Buenos Aires schaute die Familie der Direktübertragung zu und freute sich mit dem Sohn, der vor vier Wochen für neun Millionen Euro in die alte Welt transferiert worden war. Und beim VfL, speziell bei Manager Peter Pander, war das Lächeln der Genugtuung auf dem Gesicht wie festgefroren. Schon hatte Pander Kritik einstecken müssen: D‘Alessandro, der sei doch zu klein, zu verspielt, zuwenig robust. Und natürlich zu teuer, hatte es nach dem 0:4 in Dortmund vor einer Woche geheißen. Daß der argentinische Nationalspieler nach einer langen Serie beim Meister River Plate und kaum zwei Wochen Pause sofort in das kalte Wasser der Bundesliga geworfen worden war, galt plötzlich nicht mehr als Argument. Erst das Hinspiel im Finale des UI-Cups beim AC Perugia ließ die Kritiker leise zweifeln – D‘Alessandro mußte viele Fouls einstecken, wehrte sich aber und entwickelte Chef-Qualitäten im Mittelfeld. Beim 5:1 gegen die Zauderer des HSV fünf Tage später harmonierte er mit dem ebenfalls überragenden Bulgaren Martin Petrow und seinem argentinischen Kollegen Diego Fernando Klimowicz so gut, daß Pander sagte: Andres lernt schnell, viel schneller, als wir dachten.“

Gründung des ersten Wolfsburger Fußball-Zirkus

Jörg Marwedel (SZ 19.8.) sah Großes. „Die Zuschauer hatten in der zweiten Halbzeit dieses zunächst nicht sehr ansehnlichen Bundesligaspiels der Gründung des ersten Wolfsburger Fußball-Zirkus beigewohnt. D’Alessandro und Petrov waren dabei die Attraktionen in der Manege gewesen, die sich vom Rest der Artisten unterschieden wie weiße Tiger von zotteligen Ponys. Und am Rand hatte staunend Jürgen Röber gesessen, der Trainer, dem zum dunklen Blazer nur noch der Zylinder fehlte, um einen veritablen Zirkusdirektor abzugeben. Doch das Beste war: Die gezeigten Kunststücke waren auch noch äußerst effektiv, was ja im Fußball der wahre Maßstab ist. Sie haben den Wolfsburgern endlich die ersehnte Perspektive eröffnet – auf die internationale Bühne (…) Vergessen werden darf nur nicht, wer diese Gala erst möglich machte – ein HSV, der nach der 1:0-Führung durch Barbarez wie benebelt spielte und die zuvor ausgeübte Kontrolle völlig verlor, ehe er, so Sportchef Dietmar Beiersdorfer, „Auflösungserscheinungen“ zeigte. „So viel Platz“, resümierte HSV-Vorstandsfrau Katja Kraus, eine ehemalige Fußballnationalspielerin, nüchtern, „werden die in der Bundesliga nie wieder kriegen.“ Dreimal ließen sich die Hamburger auskontern wie Schüler, was Trainer Kurt Jara in Wut brachte über „so viel Disziplinlosigkeit“ und Torwart Martin Pieckenhagen zu der Forderung: „Es muss jetzt rappeln im Karton, ich habe keinen Bock mehr auf diesen Mist.“ Die erste Strafe hieß: Fußball gucken, und zwar den eigenen. Noch auf der Heimfahrt im Bus wurde den HSV-Profis ihr Versagen per Video vor Augen geführt, am Dienstag müssen sie die Prozedur erneut ertragen. Und dann kommt der FC Bayern, und dann geht’s nach Leverkusen. Es fällt nicht schwer, sich eine Steigerung des bisherigen Horror-Szenarios (drei Spiele, ein Punkt, 2:9 Tore) vorzustellen. Jara sagt: „In drei Wochen haben wir kaputtgemacht, was wir in acht Monaten aufgebaut hatten.““

Die Lage beim HSV kommentiert Jan Christian Müller (FR 19.8.). “Es ist nun am Österreicher Jara, die bis Sonntag an Selbstüberschätzung leidenden Spieler zu der in der Rückrunde des vergangenen Spieljahres und im Ligapokal gezeigten Geschlossenheit zurückzuführen. Ein kleines Wunder war dem 52-Jährigen im vergangenen November gelungen, just, als erhebliche Zweifel an ihm offenbar wurden und er nur durch ein spätes Tor zum 1:1 in Dortmund seinen Arbeitsplatz sichern konnte. Jara formte daraufhin eine Mannschaft, die, basierend auf einer ebenso routinierten wie zweikampfstarken Abwehr (Ujfalusi, 25, Hoogma, 34, Hollerbach 33), einen frischen Offensivfußball präsentierte und es überraschend bis in den Uefa-Cup schaffte. Möglicherweise könnte nunmehr der Ausfall des Raubeins Bernd Hollerbach auf der linken Abwehrseite unangenehmere Folgen haben als zunächst angenommen. Metzgerssohn Hollerbach, weder auf noch abseits des Fußballplatzes ein Kind von Traurigkeit, wird wegen einer Achillessehnenoperation wohl noch bis zur Winterpause fehlen, sein Stellvertreter Christian Rahn stellt sich im Rückwärtsgang noch zu oft reichlich naiv an. Rechts verteidigt der Däne Lars Jacobsen mehr schlecht als recht, derweil sowohl der beste Bielefelder der vergangenen Saison, Bastian Reinhardt, wie auch das für eine Million Euro aus Fürth verpflichtete Talent Björn Schlicke nur Ersatz sind. Beide fühlen sich jedoch nur in der zentralen Abwehr wohl. Wohl wissend, dass die Gefahr in zu viel Drang nach vorne liegt, hatte Jara in Wolfsburg – wie schon eine Woche zuvor beim 1:1 in Bochum – darauf verzichtet, die zwar technisch versierten, aber antrittsschwachen Spielmacher Stefan Beinlich und Rodolfo Cardoso Seite an Seite zu stellen. Beide gewinnen kaum einmal einen Defensivzweikampf.“

Schalke 04 – 1. FC Köln 2:1

Erste Risse im fragilen Gefüge von altgedienten Profis und Neuzugängen

Thomas Klemm (FAZ 19.8.) leidet mit den Kölnern. „Manchmal stimmen sie ja doch, die Floskeln aus dem Fußball, die auf den ersten Blick so sinnfrei erscheinen. Welche Einschätzung trifft zum Beispiel besser auf die aktuelle Lage beim 1. FC Köln zu als jenes Sprüchlein vom früheren Stürmer Jürgen Wegmann, der einst schlicht feststellte: Erst hatten wir kein Glück, dann kam auch noch Pech dazu? An den ersten drei Bundesliga-Spieltagen hat der Aufsteiger ordentlich bis gut gespielt und sich reichlich Torchancen erarbeitet – ist aber dreimal mit einem Tor Unterschied gescheitert, hat bereits drei Spieler durch Platzverweise verloren und muß auf zwei verletzte Stammkräfte verzichten. Schlimmer geht’s nimmer, fand Dirk Lottner nach dem 1:2 am Sonntag beim FC Schalke 04. In dreizehn Jahren Fußball habe er noch nie drei so bittere Niederlagen erlebt, das haben wir auch morgen noch nicht verarbeitet, behauptete der Kölner Kapitän. Im Moment geht beim Aufsteiger, der gerade seinen zweiten Erstliga-Abstieg überwunden hatte, allerdings so ziemlich alles schief, was schiefgehen kann: Scherz‘ Eigentor besiegelte zum Auftakt die 0:1-Niederlage in Mönchengladbach, beim 1:2 gegen Kaiserslautern verletzte sich Zugang Mustafa Dogan und erhielt Verteidiger Moses Sichone die Rote Karte, in der Arena Auf Schalke wurden Jörg Heinrich sowie Stürmer Marius Ebbers vom Platz gestellt. Zu allem Überfluß verloren die doppelt dezimierten Rheinländer durch Hamit Altintops Schuß, abgefälscht vom eingewechselten Verteidiger Markus Happe, unglücklich in der dritten Minute der Nachspielzeit. Nun ist die sportliche Führung bemüht, bloß keine Panik aufkommen zu lassen bei dem Klub, dessen Gefühlslage doch stets zwischen den Extremen schwankt. Er bewerte die Leistung, nicht das Ergebnis, sagte Trainer Friedhelm Funkel und kam zu dem Schluß: Das Auftreten war erstklassig. Also nicht verzagen, Funkel fragen. Oder Andreas Rettig. Auch der Geschäftsführer des FC ist glücklich über die prima Jungs in der Mannschaft. Pech nur, daß mancher Profi dies etwas anders sieht. Wer wollte, konnte erste Risse im fragilen Gefüge von altgedienten Profis und Neuzugängen bemerken. Egoisten hat Stürmer Matthias Scherz im Team ausgemacht und möglicherweise seinen neuen Offensivpartner Andrej Woronin gemeint, der mehr durch Quirligkeit und Dribblings überzeugte als durch Kaltschnäuzigkeit im Abschluß und Blick für den Nebenmann.“

Noch ist dem Aufsteiger auch nicht der Himmel auf den Kopf gefallen

„Der 1.FC Köln hat zum dritten Mal hintereinander verloren und dabei kaum eine Pointe des Pechs ausgelassen“, schreibt Christoph Biermann (SZ 19.8.). „Allmählich muss man sich richtig anstrengen, um neue Horrorszenarien für den 1.FC Köln zu erdenken. Viel Raum für Phantasien ist nach drei Wochen Bundesliga nicht mehr. Vielleicht könnte Torhüter Wessels einen Abstoß ins eigene Tor schießen oder ein Kölner Angreifer auf der Linie des gegnerischen Tores klären, und noch ist dem Aufsteiger auch nicht der Himmel auf den Kopf gefallen (…) Torhüter Frank Rost, dem Schalke den Sieg zuerst verdankte, sorgte sich über eine andere Serie. Erneut tat sich sein Team im eigenen Stadion schwer. „Wir müssen so schnell wie möglich lernen, uns nicht von Äußerlichkeiten leiten zu lassen“, sagte Rost und meinte den Druck der Erwartung von den Rängen, unter dem die Mannschaft zu leiden scheint. Konfus spielten die Schalker streckenweise, was Trainer Heynckes teilweise durch „fehlende Frische“ wegen der Einsätze im UI-Cup erklärte. Mit dem glücklichen Sieg hat Schalke die eigene Glück-Pech-Bilanz in dieser Saison ausgeglichen. Im Heimspiel gegen Dortmund war ihnen in der Nachspielzeit der Sieg genommen worden, deshalb konnten sie sich auch gut in ihre Gegner hineinversetzen.“

Die Mechanismen der Branche sind ungerecht

Daniel Theweleit (FR 19.8.). „Man kann den Kölnern nach drei Partien durchaus ein gutes Zeugnis ausstellen, wie es Rettig nachher tat: Wir haben jetzt drei Mal gut gespielt, und haben super Jungs in der Truppe. Das ist kein Pfeifen im Walde, das ist das, was wir gesehen haben in 270 Minuten Bundesliga. Aber die Mechanismen der Branche sind ungerecht. Im vergangenen Jahr gelang dem Club ein Rekord für den deutschen Profifußball. Er startete mit einer Serie von 25 Spielen ohne Niederlage in die Saison und wurde dennoch kontinuierlich für die bisweilen spielerisch mageren Auftritte kritisiert. Jetzt spielt die Mannschaft gut und wird wegen der mageren Punktausbeute angegriffen. Schon vor dem Saisonstart wurde im Boulevard über einen möglichen Rücktritt Funkels spekuliert, und nach dem ersten Spiel gegen Mönchengladbach geriet Kapitän Dirk Lottner in die Schusslinie. Er sei zwar gut genug für die zweite Liga, in der Bundesliga aber überfordert, so die These, die nach der Heimniederlage gegen Kaiserslautern in dicken Lettern wiederholt wurde. Eine Ansicht, die man im Übrigen durchaus diskutieren kann, denn Lottner bewegte sich auch in Schalke wie ein schweres Boot in der Brandung: langsam und in einem kleinen Radius. Das Spiel wogte an ihm vorüber, aber seine zwei, drei gelungenen Pässe und seine Standards können Spiele entscheiden. In Gelsenkirchen glich er mit einem wunderschönen Freistoß die Führung von Victor Agali aus. Dass dem Kapitän die Kritik ans Herz geht, merkt man sehr deutlich. Unter der Woche verkündete Lottner, dass er nach einem Fehlversuch gegen Kaiserslautern nun keine Elfmeter mehr schießen werde, er wirkte in Interviews zuletzt immer ein wenig beleidigt, und wie aus Trotz verzichtete er nach seinem Freistoßtor gegen Schalke auf den Jubel. An dieser Niederlage werden wir noch einige Tage zu arbeiten haben, sagte der Publikumsliebling mit dem stets etwas melancholischen Blick.“

Real Madrid des Westens

Thomas Klemm (FAS 17.8.) erkennt ungewöhnliches: Kölner Realismus. „Die jahrzehntelang berauschende Illusion von der Macht am Rhein ist weithin passe, Wolfgang Overaths legendäres Zitat vom Real Madrid des Westens (wieso eigentlich des „Westens“? of) wurde rund um das Geißbockheim lange nicht mehr gehört. Keine Panik, keine Selbstüberschätzung – nichts scheint beim 1. FC Köln mehr so, wie es war. Vor dem Spiel Auf Schalke hat auch noch Kapitän Dirk Lottner angekündigt, nach seinem jüngsten Fehlversuch gegen Kaiserslautern keinen Kölner Elfmeter mehr zu schießen. Was folgte, war kein Aufschrei über den künftig zurückhaltenden Urkölner, sondern Komplimente. Positiv bemerkenswert sei es doch, sagt Rettig, daß der Dirk nach einigen verschossenen Elfmetern von selbst auf die Erkenntnis gekommen sei.Es wird beim dreimaligen deutschen Meister mittlerweile so professionell und geräuschlos gearbeitet, daß der Eindruck entstehen könnte, alle hätten sich lieb. Was aber, wenn der von Kölner Medien nicht gerade geliebte Funkel noch zweimal verliert? Wenn die um Klos verstärkten Abwehrreihen wieder so geschlossen sind, daß das Gerangel um die Plätze groß sein wird? Selbst Carsten Cullmann, vom Konkurrenzkampf künftig arg betroffen, wiegelt ab. Es sei doch nur wichtig, daß man nicht die Nerven verliere und der Mannschaft geholfen werde. Zur aktiven Zeit seines Vaters Bernd hätte der kölsche Klüngel Stimmung gemacht. Und nicht wie Sohnemann Carsten bescheiden betont: Es geht einzig und allein um den Klassenerhalt.“

Seit Weisweiler hat wohl keiner mehr so akribisch und intensiv unterrichtet

Sehr lesenswert! Jörg Kramer (Spiegel 18.8.) beschreibt den Imagewandel des inzwischen reifen Schalke-Trainers. „Heynckes, als Spieler Europameister und zweimal Bundesliga-Torschützenkönig, als Trainer zweimal Deutscher Meister mit Bayern München und einmal Champions-League-Sieger mit Real Madrid, steige nach acht Auslandsjahren bestimmt übertrieben weltmännisch auf Fußball-Deutschland herab, glaubten die Auguren zu wissen. Sicherlich präsentiere er sich so humorlos wie einst in Frankfurt und München, scheu wie in Mönchengladbach – und verbohrt in seiner preußischen Überzeugung, als Chefcoach unbedingt den Disziplinwart spielen zu müssen. Knapp acht Wochen nach seinem eiligen Übertritt von Athletic Bilbao ins Revier lässt sich bilanzieren: Keine dieser Erwartungen hat der Fußball-Erzieher vom Niederrhein erfüllt. Heynckes kam nicht in Versace, sondern in Trainingshosen auf die Bank der Arena auf Schalke. Die Reporter, die einen unzugänglichen Medienmuffel erwartet hatten, staunten über die fast schon gesellige Lockerheit, mit der der gelernte Stuckateur im Trainingslager von Bermsgrün im Erzgebirge mit ihnen ein paar Pils zischte und Anekdoten austauschte. Und die Spieler fragte der vermeintliche Tugendwächter, warum zum Mittagessen keiner Wein bestelle. Jupp Heynckes, in der Sonne des südeuropäischen Spitzenfußballs gereift, macht in seiner beinahe Besorgnis erregenden Gelassenheit den Eindruck, als sei er von der Erfahrung erleuchtet. Er wirkt wie einer, der zu den tiefsten Geheimnissen des Fußballspiels vorgedrungen ist, nichts mehr lernen und sich für nichts mehr empfehlen muss. Im Herbst seiner Laufbahn lässt er bloß noch einmal eine Mannschaft an seinem Wissen teilhaben. Der Mensch entwickelt sich, sagt er achselzuckend. Durch die besonderen Anforderungen wird man im Ausland geprägt. Man wird offener, sicherer, hat ein anderes Know-how. So kehrt Heynckes nicht als engstirniger Zuchtmeister zurück in die Bundesliga, sondern als souveräner Ausbilder, der kraft seiner Weltläufigkeit sensiblen Fußball-Millionären Elementarunterricht erteilen darf. Das bewerkstelligt er sehr zum Vergnügen des Clubmanagers Rudi Assauer, der die Mannschaft zuletzt eher führungslos durch eine missratene Saison torkeln sah. Die Spieler, die offen gegen den jungen Übungsleiter Frank Neubarth opponierten, galten schon als schwer erziehbar. Einigen hat Jupp gleich gesagt, dass sie ihre gesamte Technik verändern müssten, registriert nun Assauer feixend auf der Hotelterrasse vor einem Auswärtsspiel. Für viele ist das ein Lernprozess. Den Nationalspieler Gerald Asamoah etwa winkte Heynckes gleich in der ersten Bundesligapartie gegen Borussia Dortmund an den Spielfeldrand, um ihm klar zu machen: Er habe mittlerweile Automatismen angenommen, auf die sich der Gegner einstellen kann. Immer nur mit dem Rücken zum Gegenspieler Pirouetten zu drehen sei nicht sehr originell, meint Heynckes und schlägt vor: Du musst dein Spiel flexibler gestalten. Der Vizeweltmeister Asamoah hat mehr als 120 Bundesligaspiele bestritten. Aber von eingeschlichenen Gewohnheiten, Automatismen und falschen Pirouetten hatte er zuvor nie etwas gehört. Den jungen Stürmer Mike Hanke ließ der Übungsleiter im Abschlusstraining vor der UI-Cup-Partie bei Slovan Liberec die Ausführung eines scheinbar simplen Doppelpasses dreimal wiederholen. Er müsse den Ball richtig temperiert spielen, erfuhr der verdutzte Angreifer. Hanke ist immerhin Juniorennationalspieler der U21-Auswahl und gilt als viel versprechendes Talent. Jetzt kam er sich vor wie ein Nachhilfeschüler, der das Laufen neu lernen soll. Vor jedem Ballkontakt, auch im Training, so lehrt Heynckes, müssten sich Stürmer mit einer Finte aus der Bewachung des Gegenspielers befreien – das habe ich schon in den sechziger Jahren bei Hennes Weisweiler gelernt. Seit Weisweiler, dem Kölner und Mönchengladbacher Altmeister der deutschen Trainerzunft, hat wohl keiner mehr so akribisch und intensiv unterrichtet – erst Heynckes hält die Profis wieder dazu an, wie Musiker das immer wieder Gleiche zu üben.“

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