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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Vermischtes

Relaunch Herbert Zimmermanns

Oliver Fritsch | Mittwoch, 16. Juni 2004 Kommentare deaktiviert für Relaunch Herbert Zimmermanns

Christian Eichler und der Schriftsteller Robert Gernhardt schauen sich das Holland-Spiel im Fernsehen an / Johannes Kerner, der „Relaunch Herbert Zimmermanns“ (FAZ), sägt an unseren Nerven – Christoph Biermann (Zeit) hält Blockbildung in Zeiten der Globalisierung für veraltet – warum schauen Frauen die EM? (Zeit) u.v.m.

Aber dann, glaube ich, bin ich wieder gut in den Roman gekommen

Christian Eichler (FAZ/Medien 17.6.) und der Schriftsteller Robert Gernhardt schauen sich das Holland-Spiel im Fernsehen an: „Der Dichter mag lieber Zeitungsschlagzeilen oder Radioreportagen, er bewundert, „wie dort die Sache mit Sprache verdichtet, mit Metaphern aufgeladen wird“, während ihm das Fernsehkommentatorendeutsch „zu medizinisch“ vorkommt. „Wenn Herbert Zimmermann das WM-Finale von Bern 1954 nicht im Radio, sondern im Fernsehen kommentiert hätte, würden uns viele wichtige Sätze fehlen“, sagt Gernhardt. Sätze wie „Toni, du bist ein Fußballgott“ oder „Aus dem Hintergrund müßte Rahn schießen“ oder „Aus, aus, aus!“ Die letzten Minuten und Verse sind angebrochen, schwierige Silbenfolgen zu bewältigen: „Schweinsteiger stark, van Nistelrooy trifft.“ Kerner ruft das große Zittern aus, Gernhardt greift es auf in seiner Schlußreportage. 90.00/Zittern hebt an/Zittern schwillt an/Zittern hält an/Trinker hält durch Schlußpfiff, fertig der Fußball, ein Gedicht. Zeit, über die Leistungen zu reden. Das Ergebnis: genau wie vor fünfeinhalb Jahren, und doch „ein ganz anderes Spiel“. Damals schrieb er nach 80 Minuten: „Seedorf versucht/Marschall verflucht/Spielfluß verflacht/Weißwein versiegt“. Diesmal ging das Drama nach 80 Minuten erst richtig los, auch der Wein reichte aus. Gernhardt war das Spiel eigentlich insgesamt zu gut. „Schlechte Spiele machen viel mehr Spaß beim Schreiben.“ Oder, wie er es früher einmal formulierte: „Scheiß der Hund drauf, das Gelingen/läßt sich einfach nicht besingen.“ Gut wenigstens, daß nicht der eingewechselte Pierre van Hooijdonk den Ausgleich schoß. Das wäre silbentechnisch doch schwierig geworden, was später auch ZDF-Experte Franz Beckenbauer einsieht, der sich einst in der Werbung mit seinem Text „Mitsubishi Pajero“ die Zunge fast brach. Statt den komplizierten Pierre van Hooijdonk zu riskieren, spricht er in der Analyse nur vom „großen Schwarzen da vorne“. Abschließend der Auftritt von Kevin Kuranyi, seine Meinung zum Spiel. Das übliche Blabla? Mancher belächelt die sprachliche Einfalt gewisser Fußballprofis. Der große Sprachkünstler bewundert sie. „Ich wünschte mir, daß Künstler oder Literaten so über ihre Arbeit sprechen könnten“, sagt Robert Gernhardt. Und gibt ein Beispiel: „Ich glaube, die ersten hundert Seiten bin ich ganz gut ins Spiel gekommen. Auf den nächsten fünfzig Seiten habe ich dann ein bißchen nachgelassen, aber dann, glaube ich, bin ich wieder gut in den Roman gekommen. Insgesamt bin ich mit mir zufrieden. Aber beim nächsten Buch muß ich sehen, daß ich über die ganze Zeit meine Leistung bringe.“ Vor dem Buch ist nach dem Buch. Das nächste Gedicht ist immer das schwerste.“

An Kerners Populismus aber wird man sich nie gewöhnen

Kerner im Fernsehen, die FAZ (17.6.) greift zur Fernbedienung: „Nach dem Hollandspiel hat das Leid des Zuschauers einen Namen: Kerner. „Endlich geht’s los, atmen Sie tief ein. Euro – hier sind wir“, so begann er seine Reportage, die penetrant auf der Klaviatur jovialer Talkmasterrhetorik spielte. Er inszenierte nicht das Geschehen auf dem Rasen, sondern sich selbst als zeitgemäßen Relaunch Herbert Zimmermanns, einschließlich sich überschlagender Stimme beim Tor: Zum Wunder von Porto genügt, daß man den Gegner – der sich nur mit Ach und Krach qualifizierte – in den Olymp der Fußballgötter erhebt: „Bedenken Sie, wir spielen gegen Holland. 95 Prozent aller Länder dieser Welt würden die Reservebank als Nationalmannschaft hinstellen, so gut sind die besetzt.“ Bei den Deutschen gilt umgekehrt ein gelungener Zweikampf als Sensation: „Arne Friedrich! Ein Fünfundzwanzigjähriger von Hertha BSC gegen Europas Topstürmer“, so als böte da eine A-Jugendmannschaft vom Bolzplatz dem Goliath vom Deich die Stirn. Dann bedeutet die solide, aber glanzlose deutsche Vorstellung die Umwertung aller Werte: „Paar Minuten noch, dann fangen die an, sich richtig zu ärgern, die Holländer, dann werden die nervös, dann denken die: ,Was ist denn das? Das sind doch nicht die Deutschen, die sich selbst so schlecht gequatscht haben vor der Euro.‘“ Einfach verrückt, welche Kapriolen König Fußball immer wieder schlägt! Seit den Zeiten Fassbenders ist man vieles gewöhnt: rassistische Untertöne („Edgar Davids, Spitzname Pitbull, in Deutschland Leinenzwang“), eine Eins-zu-eins-Beschreibung wie beim Zweikanalton für Blinde, das Fehlen einer Analyse, die über die „taktische Zusatzinformation“ (Kerner) hinausginge, daß die holländische Viererkette keine Manndeckung praktiziert. An Kerners Populismus aber wird man sich nie gewöhnen. Denn er ist die Inkarnation der manisch-depressiven deutschen Fußballseele: Wer sich selbst immer neu schlecht redet, kann sich bei jeder gelungenen Grätsche als Beckham feiern. Was wirklich schlimm wäre: Deutschland erreicht das Finale. Das ZDF überträgt. Kerner kommentiert.“

Vielleicht sollte er sich diese Mädchenfrisur wegmachen und anfangen wie ein Kerl zu spielen

Bernd Müllender (taz 17.6.) guckt TV: „Alle zwei Jahre, kurz vor den Fußballgroßereignissen, überkommt einen diese nervöse Bangnis, ob es wohl so schön wird wie immer. Schon jetzt bleibt glücksnah festzustellen: Ja! Ja, es ist geworden. Zum Beispiel bei den Fernsehübertragungen. Immer noch werden TV-Gebühren völlig zu Recht erhoben und nicht als Schmerzensgeld gezahlt. Die launige ZDF-Stammtischcomedy „Nachgetreten!“ beweist in einem medialen Medienwechselversuch, dass man Bild-Zeitung durchaus senden kann. Auch die Kommentatoren sind krisenresistent. Rudi Herne aus Cerne servierte Schweizer Landeskunde: „Chapuisat spielt bei den Young Boys Bern in Basel.“ Steffen Simon wusste, warum Italiens Spiel so verzopft wirkte, und riet Francesco Totti: „Vielleicht sollte er sich diese Mädchenfrisur wegmachen und anfangen wie ein Kerl zu spielen.“ Und J. B. Kerner sprach am Mittwoch voll sendungsbewusster Besonnenheit nach Frings 1:0: „Wir dürfen jetzt nicht durchdrehen.“ Was ihm grauslich misslang. Aber van Nistelrooy konnte helfen. Danke, Nachbar.“

Völler muss froh sein, wenn seine Nationalspieler überhaupt auf höchstem Niveau im Vereinsfußball zum Einsatz kommen

Christoph Biermann (Zeit 9.6.) hält Blockbildung im Nationalteam für veraltet: „Block ist ein schweres Wort, es klingt nach Fels, Eisen oder Holz. Was sollte das Wort mit Fußball zu tun haben? Wenn man „Block“ einen Moment auf sich wirken lässt, nehmen die Assoziationen unterschiedliche Richtungen. Menschen verbinden sich in einem Block zu machtvollem Auftreten, wenn Anarchisten den schwarzen Block auf Demonstrationen bilden oder der Fanblock im Stadion ein Faktor sein will. Doch je länger man dieses Wort dreht und wendet, umso merkwürdiger erscheint es, dass hierzulande die Idee der Blockbildung im Fußball eine Rolle spielt. Oder muss man schon in der Vergangenheitsform über diese Idee sprechen? Ist der Block zerbröselt, sind seine Reste verweht? Wird man jemals wieder über die Blockbildung in der deutschen Nationalmannschaft sprechen, gebildet aus auffallend vielen Spielern einiger weniger Klubs? Tut man es, weil bei der EM vier Profis des FC Bayern, drei vom VfB Stuttgart und ebenfalls drei von Borussia Dortmund dabei sein werden? Sind das überhaupt noch Blöcke? Rudi Völler mag das Thema nicht. „Man hat das Gefühl, das gibt es nur in Deutschland“, sagt der Teamchef der deutschen Nationalmannschaft. Er hat Recht damit. Zur Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich veröffentlichte der Weltfußballverband Fifa ein viersprachiges Fußball-Wörterbuch. Dort wird erklärt, was „Vereinswimpel“, „Hackentrick“, „Beton-Verteidigung“ und einige Hundert Begriffe aus dem Fußball auf Englisch, Französisch und Spanisch heißen. Das Wort „Blockbildung“ taucht nicht auf, offensichtlich fehlt es in anderen Sprachen. Es ist ein Sonderweg, der zum Block führt, er begann, wie so vieles im deutschen Fußball, 1954, als die Nationalmannschaft zum ersten Mal Weltmeister wurde. Im Finale von Bern standen fünf Spieler des 1.FC Kaiserslautern. Mit Fritz und Ottmar Walter, Werner Liebrich, Werner Kohlmeyer und Horst Eckel kam genau die Hälfte der Feldspieler von ein und demselben Klub – die Mannen hatten dort schon seit langem Tag für Tag zusammen Fußball gespielt. Vom Trainer Sepp Herberger waren sie nominiert worden, obwohl sie in ihrem letzten Vereinsspiel vor dem Turnier in der Schweiz dramatisch unter die Räder gekommen waren. Das Finale um die deutsche Meisterschaft verlor der 1.FC Kaiserslautern gegen Hannover 96 mit 1:5. (…) Nun stehen in Nationalmannschaften häufig mehrere Spieler aus den großen Klubs. Es liegt schließlich nahe, dort die Besten einer Meistermannschaft zu versammeln. Als Italien 1982 Weltmeister wurde, liefen sechs Spieler von Juventus Turin im Finale auf, die gerade Meister und im Jahr zuvor Europapokalsieger geworden waren. Spanische Nationalteams bieten fast immer eine stattliche Zahl Spieler von Real Madrid und vom FC Barcelona auf, bei portugiesischen Auswahlmannschaften kommen sie von Benfica Lissabon und vom FC Porto. In der UdSSR gab es sogar Zeiten, in denen Dynamo Kiew mit der Nationalmannschaft fast identisch war. Auch das war Fußball – als Planwirtschaft betrieben. (…) Schon 1990, bei der ersten Weltmeisterschaft nach der Wiedervereinigung, war die Blockbildung kein Thema mehr. Den größten Block bildeten damals die Italienprofis. Rudi Völler war einer von ihnen und sagt heute: „Wir waren kein Block.“ Fortan war der Block nur noch ein fernes Echo und auch kein wirkliches Thema mehr, als 1996 sieben Spieler vom FC Bayern und fünf aus Dortmund beim Gewinn der EM in England dabei waren. Dennoch meinte Oliver Kahn nach dem Sieg über die Ukraine Ende 2001 und der nachträglichen Qualifikation fürs WM-Turnier in Fernost, Blockbildung sei gut, weil sich die Spieler von den Vereinen her kennen würden. Damals kamen fünf Spieler von Bayer Leverkusen zum Einsatz. Doch Rudi Völler schaut heute etwas erstaunt, er kann sich nicht einmal daran erinnern, dass sein Torhüter sich damals so geäußert hat. Die Idee des Blocks ist endgültig erodiert, seit in den besten Mannschaften der Bundesliga nicht zwangsläufig die besten deutschen Spieler auf den entscheidenden Positionen stehen. Die Außenverteidiger des FC Bayern kommen aus Frankreich, die Angreifer aus Holland, Brasilien, Peru und Paraguay. Die Innenverteidiger von Werder Bremen kommen aus Serbien und Frankreich, die von Bayer Leverkusen aus Brasilien. Das zentrale Mittelfeld der Stuttgarter bilden ein Kroate und ein Weißrusse. Völler muss froh sein, wenn seine Nationalspieler überhaupt auf höchstem Niveau im Vereinsfußball zum Einsatz kommen. Daran trägt er schwer genug. Dafür umheult ihn im Zeitalter des globalisierten Fußballs wenigstens das Gespenst der Blockbildung nicht mehr. Und das, daran besteht kein Zweifel, macht Rudi Völler glücklich.“

Eine hohe Stimmlage, die zwischen Kreischen und spitzem Jubel variiert

Warum interessieren sich Frauen für die EM, aber nicht für Liga-Spiele, Gunter Gebauer? (Zeit 9.6.): „Fußball war immer eine Bastion der Männlichkeit. Zum Fußball gehören Gebrüll, kräftige Sprüche und eine Körpersprache mit jenem Akzent von Gewalt, wie ihn nur eine männliche Anatomie hervorzubringen vermag. In einer solchen Welt scheint für Frauen kein Platz zu sein. Wenn man die Literatur des Mutterlandes des Fußballs mit ihren unvergleichlich genauen Beschreibungen dieses Kosmos liest, lebt der echte Fan Englands in einer Welt, die entweder frauenfeindlich ist oder sogar frauenfrei (wegen Scheidung). Frauen kommen in diesem Leben allenfalls sporadisch vor, und wenn, dann nur als eine mitlaufende Sonderkategorie der Fans. Sie haben – von Ausnahmen abgesehen – den Status von Groupies, die affektiv an Männer gebunden sind, entweder an Spieler oder an Fans, aber eben nicht an die Sache des Fußballs. Bei der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren in Japan und Südkorea gab es allerdings ganz andere Bilder und Töne: Aus den Stadien war kein Dröhnen von Männerstimmen zu hören, sondern eine hohe Stimmlage, die zwischen Kreischen und spitzem Jubel variierte. Auf den Tribünen sah man Massen von Mädchen, in die Trikots ihrer Lieblingsmannschaften gehüllt. Diese weibliche Dominanz unter den Fußballzuschauern war einzigartig und nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass im Fernen Osten das männliche Interesse auf Baseball fixiert ist. Doch auch bei uns liefen im Sommer 2002 auffällig viele Mädchen im Trikot der deutschen Nationalelf herum, und Frauen saßen in einem nie gekannten Ausmaß vor den Fernsehgeräten. Kultivierte ältere Damen, bisher des Fußballinteresses völlig unverdächtig, wurden beim Hören von Radioreportagen aus Korea überrascht. Schwiegermütter, die ihr feindliches Verhältnis zu den Schwiegersöhnen bisher mit deren Fußballleidenschaft begründet hatten, verschoben das Familienessen auf die Zeit nach der Übertragung der Spiele, um diese persönlich verfolgen zu können. Dieser Eindruck einer emotionalen Involviertheit ist mittlerweile auch mit Zahlen zu belegen: Das Meinungsforschungsinstitut Emnid hat mittels einer repräsentativen Umfrage herausgefunden, dass das Interesse an Fußballländerspielen nahezu gleich auf beide Geschlechter verteilt ist: 51 Prozent der befragten Frauen (und 52 Prozent der Männer) gaben an, gern wichtige Begegnungen wie etwa jene bei Europa- und Weltmeisterschaften zu verfolgen. Anders sieht es bei Bundesligaspielen aus: Genau die Hälfte der Männer schaut sich diese häufig im Fernsehen an, aber nur 18 Prozent der Frauen. Frauen haben also ihr Interesse am Fußball entdeckt, zumindest an großen Turnieren wie der bevorstehenden EM, und sie haben auch einen anerkannten Platz für dieses emotionale Engagement gefunden, der ihnen von den Hütern der Spielkultur in der Vergangenheit verweigert worden war: Männer wehren das Interesse der Frauen eigenartigerweise nicht mehr ab; sie sind über dieses Vordringen in der Regel nicht verstört. Zwar haben Frauen nach wie vor kein Recht auf ernst zu nehmende Kommentare, finden mit ihren Bemerkungen kaum nennenswertes Gehör, aber sie haben mit ihrem Interesse offensichtlich eine Rolle gefunden, die eine andere als jene der Männer ist. Und es lässt sich annehmen, dass insbesondere ein kontinentales Fußballturnier wie die EM eine spezielle weibliche Perspektive auf das Spiel ermöglicht. Aber welche? Unabhängig davon, wie erfolgreich die deutsche Frauen-Nationalmannschaft ist, sehen Frauen lieber die Spiele des Männerteams. Wenn Frauen Männern zusehen, ist dies etwas anderes, als wenn Männer dem Spiel anderer Männer beiwohnen. Man braucht kein Spezialist der Geschlechterforschung zu sein, um die Eigentümlichkeiten des weiblichen Blicks auf spielende Männer zu erfassen. Während Männer beim Turnier der besten Nationalmannschaften in erster Linie auf deren Spielweisen achten, sehen Frauen erst einmal darauf, wie die Männer aus den verschiedenen Ländern auftreten. Nicht, was sie tun, ist hauptsächlicher Gegenstand ihres Interesses, sondern wie sie es tun: wie sie sich bewegen, mit anderen umgehen, sich darstellen, ihre Rolle ausfüllen, kurz, welche Art Männlichkeit sie im Spiel präsentieren. Für das Interesse an Männlichkeit stellt eine Europameisterschaft ein großes Theater dar, auf dem die unterschiedlichen nationalen Ausprägungen zu besichtigen sind. (…) Frauen spielen nicht in Gedanken mit – ihre Beziehung zu den Nationalspielern ist die von Betrachterinnen. Sie wollen sehen, wie sich ihre Jungs schlagen, ob sie gegen die anderen Männer, die nicht uninteressant aussehen, standhalten können. Auch in ihrer Perspektive gibt es ein Stellvertretung: Die Spieler auf dem Rasen tun stellvertretend das, was die Männer der Gruppe, deren weiblicher Teil sie sind, zu tun haben. Sie zeigen ihnen, dass sie sich für ihre Frauen anstrengen, dass sie ihnen nicht nur gefallen wollen, sondern dass sie besser sind als die anderen Männer. (…) In der Mythologie des Tores wird die Metapher des Hauses der Familie entwickelt, das die Männer zu hüten haben. Ihre Aufgabe ist der Schutz des Ortes, an dem sich – zumindest in der Tradition – die weiblichen Mitglieder der Familie aufhalten. Dies gibt dem Wunsch der Frauen, sie mögen durch die Nationalspieler würdig vertreten werden, einen tieferen Sinn. Ein solches Verhältnis zum Fußball kann nur bei der Nationalelf eintreten, weil diese die ganze Gruppe vertritt, zu der auch sie gehören. Und gerade im Spiel der deutschen Mannschaften ist die Sicherung des eigenen Tores immer als die wichtigste Aufgabe aufgefasst worden. Zum Mythos des deutschen Fußballs gehört, dass selbst in den schlechtesten Zeiten der Nationalauswahl das Tor von einem Hüter bewacht wird, der an Verlässlichkeit schwer zu überbieten ist.“

Der durchschnittliche deutsche Fußballnationalmannschaftsfan kennt 14 Wörter

Matti Lieskes (taz 17.6.) Begegnungen in Portugal: „Der Hund Rico, das hat das Max-Planck-Institut in Leipzig herausgefunden, beherrscht mehr als 200 Wörter. Damit liegt der Border Collie pisamäßig ganz oben in Deutschland. Unser Kater, das habe ich herausgefunden, kennt so viele Worte für Katzenfutter wie die Eskimos für Schnee. Er macht allerdings selten davon Gebrauch, um die Menschen nicht zu beschämen. Der durchschnittliche deutsche Fußballnationalmannschaftsfan kennt 14 Wörter: Deutschland, Sieg, Rudi und die Namen der 11 Spieler, die gerade auf dem Platz stehen. Beim Mitsingen der Hymne, das stellte sich im Estádio do Dragão von Porto heraus, hat er große Schwierigkeiten, wenn der Text nicht, wie bei Heimspielen üblich, auf der Anzeigentafel eingeblendet wird. Das wäre eigentlich ein gutes Zeichen, müsste man nicht mutmaßen, dass die erste Strophe noch ziemlich flüssig von den Lippen fließen würde. Andererseits hat sich herumgesprochen, dass sich deren Absingen nicht gehört – auch ein Fortschritt. (…) Der Zug von Lissabon nach Porto etwa ist eine äußerst polyglotte Angelegenheit. Natürlich Deutsche und Holländer, die zu ihrem Spiel fahren, aber auch Dänen, die nach Braga wollen und sich mental auf das Match am Freitag gegen Bulgarien vorbereiten, sowie Schweden, deren Mannschaft in Porto auf Italien trifft. Vor allem am Bierstand, dem gemeinsamen Altar aller Fußballfreunde, kommt man sich näher, gestärkt wird das Gemeinsamkeitsgefühl noch dadurch, dass der Zug mit zwei Stunden Verspätung losfährt. Zu viel übrigens für die Nerven einiger holländischer Fans, die es angesichts der zunächst ungewissen Lage vorziehen, für 260 Euro mit dem Taxi von Lissabon nach Porto zu fahren. „Das ist das Spiel aller Spiele, darauf haben wir uns ein halbes Jahr lang gefreut“, begründen sie diese Investition in eine gesicherte Zukunft.“

Dellingnetzerhartmannposchmann

Thomas Kilchenstein (FR 17.6.) ist erstaunt über die Fitness der Profis: „Irgendwann in den letzten Tagen hat beim großen Rhabarbern zwischen, vor und nach den Spielen einer der vielen Experten, es war wohl Dellingnetzerhartmannposchmann, den Co-Experten Beckenbauerbodehelmerkerner bang gefragt, ob denn die Mannschaft X das hohe Tempo auch in der zweiten Halbzeit zu gehen in der Lage sei. Er hätte nur hinschauen müssen. Nach etwas mehr als 900 gespielten Minuten bei dieser Europameisterschaft steht eins auf jeden Fall fest: Die Teams sind körperlich in einem ausgezeichneten Zustand. Konditionelle Einbrüche hat es bislang nicht gegeben. Physisch machen die Spieler einen hervorragenden Eindruck, sie gehen über 90 Minuten ein hohes Tempo, wirken spritzig, austrainiert, im Saft stehend und ziehen selbst in der Nachspielzeit, bei diesem Turnier meist großzügig bemessen, noch den langen Sprint an. Sogar die hohen Temperaturen um die 30 Grad, zumindest bei den 18-Uhr-Spielen, beeinträchtigen die körperliche Leistungsfähigkeit der Spieler nicht. Sie sind fit wie ein Turnschuh. Der läuferische Aufwand der Kicker ist beachtlich, zehn, elf, zwölf Kilometer pro Spiel sind keine Seltenheit, ja dieses Pensum muss fast schon laufen, wer überhaupt mithalten will.“

In der SZ (17.6.) lesen wir: „Man denkt ja, die Kinder, die mit den Nationalspielern aufs Feld laufen, seien ganz nervös vor ihrem großen Auftritt. Und dass ihnen die Nationalspieler über den Kopf streicheln und sagen: „Aufgeregt? Keine Angst, ich bin ja bei dir, sei schön brav bei der Nationalhymne und winke nicht in die Kamera.“ Aber es ist anders: Nicht die Spieler reden den Kindern gut zu, die Kinder müssen die Profis beruhigen. Das hat Rico Wilde verraten. Rico ist neun Jahre alt, er kommt aus Volkach und durfte mit der deutschen Elf vor der Partie gegen die Holländer ins Stadion laufen. Sein Opa hatte für ihn bei einem Gewinnspiel mitgemacht, und das war sein Preis. Rico sagt, dass der Bernd Schneider „ganz angespannt“ gewirkt habe. Hatte wohl sehr feuchte Hände. Darum hat ihm der Rico beim Einlaufen fest die Hand gehalten und „viel Glück beim Spiel“ gewünscht. Aber Bernd Schneider hat kaum etwas herausgebracht vor Anspannung, nur: „Danke“. Rico weiß, wie es ist, gegen Holland zu spielen. Am Dienstagabend hat er mit den deutschen Kindern gegen die holländischen verloren, 2:9. „Aber die Holländer waren im Schnitt auch drei Jahre älter“, sagt sein Vater.“

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