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Deutsche Elf

Verkörperungen einer undeutschen Fußballtheorie

Oliver Fritsch | Samstag, 18. Juni 2005 Kommentare deaktiviert für Verkörperungen einer undeutschen Fußballtheorie

Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski, nicht nur des Boulevards Lieblinge – Ludger Schulze (SZ 18.6.) zählt auf sie: „Beide verkörpern die undeutsche Theorie vom Fußball mit Vergnügen in idealer Weise. Beide haben den Erfolg im Auge, ihr Ziel ist der Gewinn des Turniers, aber das verfolgen sie mit erkennbarer, fast südländischer (Spiel-)Freude, ihnen mangelt es fundamental an der Malocher-Mentalität, welche den deutschen Fußball der Vergangenheit oft genug prägte. Man braucht dabei aber nicht zu verschweigen, dass Schweinsteiger seine überragende Leistung gegen Australien mit einem fiesen Tritt gegen den Knöchel des Gegenspielers Popovic trübte. Nicht ganz zu Unrecht, wenn auch in der Wortwahl überzogen, hat der australische Trainer Frank Farina dieses Foul einen „schändlichen und schrecklichen Angriff“ genannt, „der im Fußball nichts zu suchen hat“. Aber wenn man beobachtet hat, wie Schweinsteiger zur Trage schlich, auf der Popovic vom Spielfeld gebracht wurde, und sich entschuldigte, ahnt man das schlechte Gewissen, das den Bayern plagte. Vom Rabaukentum der Baslers und Effenbergs trennen beide Universen. Sie sind vielmehr von jenem professionellen Ernst, der die heutige Generation von Berufsfußballern von früheren unterscheidet, wie Klinsmann festgestellt hat.“

Prototyp aus der deutschen Fußball-Urzeit

Für den Adidas-Werbespot hat sich Podolski nicht arg verstellen müssen, findet Michael Horeni (FAZ 18.6.): „Nebelschwaden hängen tief zwischen den Bäumen. Plötzlich zerreißt Geschrei die Stille, und eine Horde junger Leute stößt aus dem Dickicht hervor. Lukas Podolski vorneweg, das Gesicht erdverschmiert und dem Ball vor seinen Verfolgern nachjagend. Der Franzose David Trezeguet ist dabei, der Italiener Alessandro del Piero, der Holländer Arjen Robben und auch der Argentinier Javier Saviola, Superstars in ihren Vereinen und Ländern allesamt. Aber der kurze Streifen will nicht die glamouröse Seite des Geschäfts ausleuchten, sondern ein urwüchsiges Bild von Fußballstars zeichnen, das es in der Wirklichkeit längst nicht mehr gibt. Junge, zu Millionären gemachte Männer, die auf der Straße oder im Wald bolzen, einfach so, aus Spaß am Spiel, aus Leidenschaft. Das ist die Botschaft. Lukas Podolski allerdings muß nicht erst mit Erde geschminkt werden, um die tatsächlichen Kräfte zu dokumentieren, die ihn antreiben. (…) Recht besehen paßt dieser Prototyp aus der deutschen Fußball-Urzeit gar nicht in die neue Nationalmannschaft, in das Anforderungsprofil, das Jürgen Klinsmann und sein Betreuerteam seit knapp einem Jahr zeichnen. Mit generalstabsmäßiger Akribie schaffen sie Zusatzangebote, um die Persönlichkeitsentwicklung der Spieler zu forcieren, sie bieten Sprachkurse an, Medienschulung und psychologische Hilfe. Podolskis zeitlose Fußball-Wahrheit dagegen paßt in einen einzigen Satz: „Der Ball muß ins Tor, egal wie.““

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