Bundesliga
Aus einer anderen Fußballepoche
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| Sonntag, 19. Juni 2005Dirk Schümer (FAS 19.6.), Italien-Korrespondent der FAZ, trübt die Stuttgarter Euphorie über die Einstellung Giovanni Trapattonis: „Weil die italienischen Erfolge von „il Trap“ ganz weit in der Fußballhistorie zurückliegen und sich selbst eingefleischte Tifosi kaum mehr an die sieben Scudetti mit Juve und den letzten nationalen Titel mit Inter Mailand aus dem Jahr 1989 erinnern können, gilt Trapattoni – bei aller Achtung für sein Lebenswerk – in Italien eher als Auslaufmodell. Zu dornig verliefen die letzten Engagements des temperamentvollen Lombarden in seinem Heimatland. Er trainierte mit Cagliari und Florenz zwei Vereinsteams, die nicht einmal zur nationalen Spitze zählten. Und als er im Jahr 2000 die Nationalmannschaft übernahm, hatte ihn das Händchen als Titelgarant bereits verlassen. Die letzte Welt- und die Europameisterschaft, in denen er mit den Azzurri vorzeitig ausschied, sind in Italien durch mutloses Defensivspiel, durch ein Übermaß der Verteidiger und vorschnell ausgewechselte Stürmer in Erinnerung geblieben – Rentnerfußball eben. (…) Bei aller Medientauglichkeit stammt dieser soignierte Weltrekordhalter aus einer anderen Fußballepoche, in der Ehrgeiz und Fleiß viel zählten, was seine schwäbisch-protestantischen Arbeitgeber in Stuttgart gewiß eher schätzen als sein uritalienisches Doppelbekenntnis zu Sozialismus und Katholizismus.“
Trip mit Trap
Thomas Kistner (SZ 18.6.) kommentiert die Verpflichtung Giovanni Trapattonis in Stuttgart und blickt auf die Vereinsführung: „Er gilt als eine der größten Spaßbremsen des Gewerbes überhaupt. (…) Sieht man den Trapattoni-Transfer vor dem Hintergrund der aktuellen Stuttgarter Bedürfnisse, fragt sich, welches Kompetenz-Team hier die Weichen stellte. Wenn es stimmt, dass mit der Trainersuche ein Anwalt betraut war, der sonst die kleinen und größeren Kickersünden vor dem DFB-Sportgericht verteidigt, müsste dies einen Verdacht stützen, der ja im Schwäbischen schon länger schwelt: Dass es auf Vorstandsebene an Sachverstand mangelt. Staudt, einst Deutschlandchef des Computerriesen IBM, war schon im Fall Sammer von Aufsichtsratschef Hundt übertrumpft worden. Nun darf der Trip mit Trap zurück in die Vergangenheit von Betonabwehr und kontrollierter Offensive nicht auch noch schief gehen. Sonst haben sie beim VfB alle miteinander fertig.“
Es gilt, in Stuttgart einen Niedergang zu verhindern
Benedikt Voigt (Tsp 18.6.) fügt hinzu: „Insgesamt 19 Titel hat der freundliche Mann gesammelt, der in Italien wegen seiner blauen Augen und seiner ergebnisorientierten Fußball-Taktik nur „Il tedesco“ genannt wird, der Deutsche. Es wirkt wie eine Ironie des Lebens, dass ihn ausgerechnet dieses Land so gerne auf eine knapp fünfminütige Rede reduziert. Und darüber vergisst, dass er einer der erfolgreichsten Fußballtrainer der Welt ist. Beim VfB Stuttgart hat Giovanni Trapattoni nun die Chance, sein Image in Deutschland zu korrigieren. Schwer genug ist die Aufgabe, die er sich aufgehalst hat. Es gilt in Stuttgart einen Niedergang zu verhindern.“
WamS-Portrait Trapattoni
Bildstrecke Trapattoni, faz.net