Ball und Buchstabe
Bekehrt
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| Mittwoch, 10. Mai 2006Matthias Drobinski (SZ/Politik) schildert Behausung und Bevaterung des transzendental Obdachlosen Fußball: „Vorbei sind die Zeiten, als sich die Kirchen und der Fußball fremd und oft auch feindlich gegenüberstanden. Karl Barth, der große und strenge Theologe, zählte Fußball zu den ‚herrenlos gewordenen Erdgeistern‘; Pfarrer predigten gegen die familienzerstörende Unsitte des Spielbetriebs am Sonntag, und als Deutschland 1954 Weltmeister wurde, da schwiegen die Kirchenvertreter in damals seltener ökumenischer Eintracht. Der Schriftsteller und Pfarrerssohn Christian Friedrich Delius hat beschrieben, wie er an jenem Julisonntag als kleiner Junge mit roten Ohren vor dem Radioapparat im Amtszimmer seines Vaters saß und Herbert Zimmermanns Reportage lauschte, und wie für ihn der drohende Kreuzesgott seine Macht verlor, als Zimmermann nach einer Parade des Torhüters Turek ausrief: ‚Toni, du bist ein Fußballgott!‘ Das war damals die Front: Hier der Fußball-, dort der Christengott. Heute sind Kirchenchefs wie der hessen-nassauische Kirchenpräsident Peter Steinacker oder der rheinische Präses Nikolaus Schneider stolz darauf, einmal selber engagiert gekickt zu haben; Karl Lehmann, der Mainzer Kardinal und Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, trägt öffentlich den Mainz-05-Fanschal. Pfarrerauswahlen kämpfen um den Titel des deutschen Meisters; in Berlin spielten am Wochenende Pfarrer und Imame gegeneinander – und alles zusammen gegen Ausländerfeindlichkeit. Profifußballer, die öffentlich zu ihrem christlichen Glauben stehen, gelten mittlerweile als die besten Missionare für die Sache Jesu, selbst wenn sie manchmal nicht viel mehr zu erzählen wissen, als dass ihre Grätsche viel besser geworden ist, seit sie sich bekehrt haben. Selbst Papst Benedikt XVI., persönlich solchen Leibesübungen eher fern stehend, wird nun fleißig mit einem Satz zitiert, den er 1978 als Erzbischof von München, zur WM in Argentinien sagte: Ein Fußballspiel sei ‚eine Art versuchte Heimkehr ins Paradies, das Heraustreten aus dem versklavten Ernst des Alltags in den freien Ernst dessen, was nicht sein muss – und gerade darum schön ist‘. (…) Zahlreiche Theologen haben inzwischen in noch zahlreicheren Abhandlungen christliche Riten und Fan-Kulturen verglichen, Stadion- und Messgesänge, Heiligenverehrung und Fankult. Die eifrigsten unter ihnen vergessen manchmal die Unterschiede zwischen echter und gespielter Religion. Andere bemerken mit leisem Neid die unglaubliche Popularität der Sportart, der kein Skandal verringern kann. Doch auch die knochigsten Kirchenleute haben inzwischen eingesehen: Am Fußball kommt niemand vorbei. Entsprechend engagieren sich die Kirchen wie noch nie bei einer Weltmeisterschaft.“
Mittellärm
Die Übergabe der Meisterschale – Drecksarbeit für Funktionäre und Steilpaß für die Gag-Autoren der Süddeutschen. Eine virtuelle Pegelmessung des Pfeifometers von Christian Zaschke (SZ): „Er wird von über 60.000 Menschen ausgepfiffen, ohne dass er etwas Schlimmes getan hat. Im Gegenteil: Die Pfiffe werden einsetzen bei der feierlichen Verkündung, dass nun der Präsident der DFL, Werner Hackmann, die Meisterschale an den FC Bayern München übergibt. Wenn Funktionäre Dinge übergeben, dann wird gepfiffen, das ist so Brauch. Innerhalb des Brauchs haben die Fans durchaus Gespür. Wenn DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder sich anschickt, was auch immer zu übergeben, erreicht der Lärmpegel größte Höhen. Beim ehemaligen DFB-Präsidenten Egidius Braun war das Pfeifen stets so leise, dass man es kaum hörte. Hackmann erreicht einen soliden Mittellärm. Kurz gab es die Überlegung, dass Jürgen Klinsmann die Meisterschale an den Kapitän des FC Bayern übergibt: an Oliver Kahn, den er zur Nummer zwei gemacht hat. In München. Das Pfeifkonzert wäre so laut gewesen, als hätte Gerhard Mayer-Vorfelder entschieden, die Schale nicht zu übergeben, sondern zu behalten. Die Überlegung wurde schnell verworfen.“
Deshalb
Plausibel und einleuchtend! Wer ist schuld an Wayne Rooneys und Michael Owens Fußbrüchen? Ralf Sotschek (taz) erweitert englische Erklärungs-, Verklärungs- und Verschwörungstheorien: „Football365 weiß, wer schuld ist: Margaret Thatcher. Während ihrer Amtszeit als Premierministerin hat sie die kostenlose Milchration in britischen Schulen abgeschafft, und seitdem haben die Kinder spröde Knochen. Man könnte natürlich auch Zar Nikolaus II. die Schuld geben: Er ließ 1905 das Feuer auf demonstrierende Bauern eröffnen, was schließlich zur Revolution und zur Gründung der Sowjetunion führte. Deren Rüstungswettlauf mit den USA ruinierte die sowjetische Wirtschaft, weshalb Boris Jelzin Staatseigentum privatisieren musste. Das wiederum machte einige Leute steinreich, darunter Roman Abramowitsch, der sich den FC Chelsea kaufte. Weil dieser Club nun so stark ist, konnte Manchester United dem angeschlagenen Rooney keine Ruhepause gönnen. Deshalb brach er sich im Spiel gegen Chelsea den Fuß. Und deshalb wird England nicht Weltmeister.“
FAZ: Arena-TV vor seiner ersten Bundesliga-Saison – näher am Spiel