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Deutsche Elf

Diese Mannschaft hat noch einiges vor

Oliver Fritsch | Dienstag, 10. Juni 2008 Kommentare deaktiviert für Diese Mannschaft hat noch einiges vor

Deutschland überzeugt beim 2:0 gegen Polen seine Anhänger und seine Skeptiker / Die zwei Tore und die zwei Herzen des Polendeutschen Lukas Podolski / Christoph Metzelder als Schwachstelle identifiziert, an Jens Lehmann scheiden sich trotz null Gegentoren die Geister

Michael Horeni (FAZ) lässt seine Zweifel an der deutschen Mannschaft und an Joachim Löw vom Sieg gegen Polen ausräumen: „So sieht Kontinuität aus: Acht Spieler aus der Stammformation der Weltmeisterschaft 2006 standen auch in der Anfangsformation gegen Polen. Aber was bedeutet das schon? Denn ob die deutsche Mannschaft trotz personeller Konstanz auch sportlich genau dort würde weitermachen können, wo sie vor zwei Jahren aufgehört hatte, das war fraglich. Aber schon nach wenigen Minuten verwandelte sich die Ungewissheit in berechtigte Zuversicht, dass diese Europameisterschaft für Deutschland diesmal nicht wie die beiden letzten viel zu früh enden muss, sondern dass sich der Weltmeisterschaftsdritte tatsächlich zugehörig zum Kreis der Titelkandidaten fühlen kann. Das Team hat an Substanz und Reife zugelegt. All das heißt aber nicht, dass Löws Team gleich einen perfekten Auftritt hingelegt hätte. Dafür geriet die Defensive zu oft in Schwierigkeiten, sowohl in der Innenverteidigung als auch über die Außenpositionen. Auch Torwart Lehmann war nicht immer der Souverän, der er gerne sein möchte.“

Christof Kneer (SZ) bescheinigt dem Bundestrainer, der Mannschaft erfolgreich den Kollektivsinn eingepflanzt zu haben: „Gleich das erste Turnierspiel unter Löws alleiniger Verantwortung hat gezeigt, wie sehr der Bundestrainer aus dem deutschen Fußball einen Mannschaftssport gemacht hat. Löw weiß ja selbst am besten, dass seine Elf den weltbesten Teams an individueller Klasse immer noch deutlich unterlegen ist, trotz den fürs Höchstniveau taugenden Ballack, Gomez und Lahm; und so hat er seiner Elf ein flügelzentriertes Spielsystem anerzogen, in dem im Idealfall so viel Tempo und Physis stecken, dass man die Absenz von ein paar phantasievollen Füßen kaum bemerkt. Auf diese Weise hat sich eine Elf mit umfangreichem Helfersyndrom entwickelt, die mit vereinten Kräften eigene Defizite überspielt. Sinnbildlich für dieses karitative Spielverständnis steht Kapitän Ballack, der mannhaft den eigenen Offensivreflexen widersteht und gemeinsam mit Frings in der Tiefe des Raumes schuftet. (…) Löw hat die Niveau-Obergrenze seiner Elf neu definiert, diese Mannschaft hat noch einiges vor.“

Innerer Konflikt

Die Story des Spiels ist die Story über die Hin- und Hergerissenheit des deutschen Polen, des polnischen Deutschen, des zweifachen Torschützen – erzählt von Horeni: „Lukas Podolski kämpfte mit einem inneren Konflikt. Viel stärker, als er das selbst wohl vorher ahnte und nachher formulieren konnte. Podolski spürte auf dem Fußballplatz, wie ihn die Widersprüchlichkeit – seinen schönsten sportlichen Erfolg seit der Weltmeisterschaft genießen und gleichzeitig seine Herkunftsidentität nicht leugnen zu wollen – daran hinderte, nach seinen Toren ein glücklicher Lukas Podolski zu sein. Er hätte es innerlich wohl einfach nicht ausgehalten, zu jubeln, wie Fußballspieler sonst jubeln. Er konnte das Dilemma auch nicht weglächeln wie Kritik nach einem schlechten Spiel. Es ging einfach nicht. In der vorigen Saison wurde Podolski von seinen Bundesliga-Kollegen sogar als ‚Absteiger des Jahres’ angesehen. In dieser Spielzeit lief es für ihn lange auch nicht viel besser. Nach den neunzig Minuten gegen Polen waren die Rückschläge im Alltag des deutschen Meisterbetriebs zwar nicht vergessen, aber sie lagen plötzlich sehr weit zurück. Was zählte, war wieder der Moment, die Zukunft von Lukas Podolski und sein spezielles Verhältnis zur Nationalmannschaft. Wenn es nicht ausgerechnet gegen Polen gewesen wäre.“

Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) stellt fest, dass des einen Freud des anderen Leids ist: „Als Leidtragender könnte sich freilich Bastian Schweinsteiger herausstellen, der bis vor gar nicht so langer Zeit der beste Kumpan Podolskis war. So hat sich der Fußball wieder einmal eine irrwitzige Konstellation geschaffen. Optimisten setzen allerdings darauf, dass der Konkurrenzkampf der beiden auch ein versöhnliches Ende nehmen könnte.“

Baustelle zu, Baustelle auf

Ralf Köttker (Welt) macht zehn Stark- und eine Schwachstelle aus: „Der Sturm ist wettbewerbsfähig, die Außenbahnen sind gut besetzt, und im zentralen Mittelfeld wirken Ballack und Frings souverän. Löw hat sein Stammgerüst gefunden. Und er hat es geschafft, bis auf Innenverteidiger Metzelder eine deutsche Mannschaft in ein Turnier zu schicken, die wieder einmal zum richtigen Zeitpunkt fit ist. Ein Zustand, der den individuell vielleicht besser besetzten Konkurrenten zu denken geben sollte. Denn er ist die Grundlage dafür, bei der EM weit zu kommen, vielleicht sehr weit.“

Auch Jan Christian Müller (FR) tadelt Metzelder: „Frings und Ballack waren in der Defensive extrem beschäftigt, vor allem auch, weil sie ständig ein Auge nach links werfen mussten, wo der offensive Lukas Podolski seinen Hintermann Marcell Jansen doch einige Mal blank die Drecksarbeit verrichten ließ und wo zudem Christoph Metzelder weit weniger souverän verteidigte als Per Mertesacker.“

Den deutschen Torwart hingegen nimmt Müller aus der Schusslinie: „Wegen der zum Teil heftigen Kritik an seinem Verhalten auf und abseits des Platzes erscheint es zunächst einmal angebracht, Jens Lehmann ein ausdrückliches Lob auszusprechen für eine am Ende dann doch souveräne Leistung: Baustelle vorerst geschlossen.“

Da war er wieder, der alte Metzelder

Klaus Bellstedt (stern.de) jedoch sieht alles in Butter: „Es gibt keine Achillesferse Lehmann-Metzelder mehr. Lehmann hielt fast so zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk, bis auf eine kleine Unsicherheit gleich zu Beginn unterlief dem nach seiner schwachen Vorbereitung schwer unter Beschuss geratenen Neu-Stuttgarter kein einziger Fehler. Für den weiteren Verlauf der Turniers ein ungemein beruhigender Fakt. Genauso wie der ganz klar zu erkennende Formanstieg Metzelders. Es kommt schon einer Art Wunderheilung gleich, die Löws größtes Sorgenkind hinter sich hat. Keine Spur mehr von Antrittsschwäche oder fehlender Spritzigkeit. Da war er wieder, der alte Christoph Metzelder aus den beiden WM-Turnieren 2002 und 2006.“

Weniger aufregend, dafür temporeicher

Jürgen Schmieder (SZ) analysiert die neue deutsche Flügelstärke: „Fritz und Podolski waren die auffälligsten Akteure. Beide kommen pro Ballbesitz mit zwei Übersteigern und einem Haken weniger aus als Bastian Schweinsteiger, was ihr Spiel zwar weniger aufregend, dafür umso temporeicher macht. Fritz ließ sich minütlich von Ballack und Frings auf der rechten Seite nach vorne schicken, er kombinierte ballkontaktarm mit seinem Linienpartner Philipp Lahm und schlug mindestens zwanzig Flanken und Flachpässe in den Strafraum. Analog verhielt es sich auf der linken Spielhälfte, man muss nur die Namen Fritz und Lahm ersetzen durch Podolski und Jansen. Podolski kommt auf dieser Position zugute, dass sich zum einen die Laufwegvarationen (die Linie lang oder schräg nach innen) in Grenzen halten, zum anderen kann er mit seiner Dynamik und Dribbelstärke eine gegnerische Defensive vor Probleme stellen – was er gegen Polen immer wieder unter Beweis stellte. Er versuchte sich im kraftvollen Alleingang, filigranen Dribbling und EM-Ball-unterstützten Fernschuss. Unter der Anleitung von Frings und Jansen wählte er auch defensiv erstaunlich häufig den richtigen Laufweg. Dass man von dieser Position aus durchaus Tore erzielen kann, zeigte Podolski beim Führungstreffer. Nach einem Ballgewinn erkannte er die Unordnung in der polnischen Abwehr, lief geschickt in den offenen Raum und konnte vom Samariterstürmer Miroslav Klose nicht mehr übersehen werden.“

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